Eden
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EDEN ist ein bewegender Trip durch das pulsierende Paris der frühen 90er. Paul (Félix de Givry) ist Anfang 20 und aufstrebender DJ. Während die elektronischen Beats die Underground Clubs der Stadt erobern, beginnen Pauls Freunde von »Daft Punk« und sein Duo »Cheers« ihren Siegeszug auf den Dancefloors. Es folgen schillernde Jahre im flüchtigen Nachtleben, mit wechselnden Liebschaften (u.a. Greta Gerwig, Pauline Etienne und Golshifteh Farahani) und manchem Drogenrausch. Paul lebt seinen Traum gegen alle Widerstände, doch verliert er sich dabei immer mehr in den Tiefen dieser Parallelwelt.

EDEN ist ein Film voller Lebensfreude und wirft zugleich einen wehmütigen Blick zurück. Ein Film über die Verwirklichung von Träumen und auch deren Scheitern. Hochkarätig besetzt mit aufstrebenden internationalen wie französischen Stars, inszeniert von der gefeierten Jung-Regisseurin Mia Hansen-Løve. Ein aufregendes und ekstatisches Generationenportrait mit der Musik von Daft Punk, Joe Smooth, Frankie Knuckles, Terry Hunter u.v.m.!

Interview Interview Interview
Soundtrack Soundtrack Soundtrack
Interview mit Mia Hansen-Løve

Interview mit der Regisseurin
Mia Hansen-Løve


Was hat Sie dazu bewogen, zwanzig Jahre aus dem Leben eines DJ zu erzählen?
Nach Ende der Dreharbeiten von EINE JUGENDLIEBE hatte ich das Gefühl, ein Kapitel abgeschlossen zu haben. Ich sehe meine ersten drei Filme als Trilogie. Es wurde Zeit für etwas Neues. Zugleich ging für meinen Bruder Sven, der die vergangenen zwanzig Jahre als DJ gearbeitet hatte, ein Lebensabschnitt zu Ende. Auch er hatte das Bedürfnis nach einem Neuanfang und begann zu schreiben, was er schon immer hatte tun wollen. Dann habe ich DIE WILDE ZEIT von Olivier Assayas gesehen. In dem Film erzählt er aus eigener Perspektive über die Jugend seiner Generation. Da habe ich mich gefragt, „Was, wenn ich einen Film über meine Generation machen würde, über die Jugend der 1990er bis 2000er Jahre, und das Ganze aus einer breiteren Perspektive als in EINE JUGENDLIEBE“? Die Geschichte meines Bruders beschreibt meiner Meinung nach Energie und Ziele meiner Generation sehr treffend: Sein Werdegang als DJ seit den ersten Raves, die Anfänge der elektronischen Musik bis hin zur weltweiten Verbreitung des French Touch, und schließlich eine gewisse Desillusionierung, die ihn dazu bringt, sein Leben zu ändern.

Im Film sehen wir Musiker, die es wirklich gegeben hat, auf Partys, die so wirklich stattgefunden haben. Wenn man EDEN anschaut, kommt schnell die Frage auf, was wahr ist und was nicht.
Sven und ich haben beide die Fähigkeit, zwischen Realität und Fiktion zu pendeln. Wir lieben den Wechsel vom einen zum anderen. Sven hat auch nie versucht, seine Erinnerungen für sich zu behalten. Er hat sie mir freigiebig zur Verfügung gestellt, ohne jegliche Zensur. So sind wir beim Schreiben zu Verbündeten geworden. Im Nachhinein verschwimmt alles und ich kann nicht mehr genau sagen, was Sven mir erzählt hat, was eigene Erinnerungen sind und was ich frei erfunden habe. Was hingegen die Musik, die Partys, Sänger und Produzenten betrifft, waren wir sehr anspruchsvoll, geradezu akribisch. Das verleiht dem Film einen dokumentarischen Aspekt. Indem wir hier sehr dicht an der Wirklichkeit blieben, die Schauspieler aus der Musikszene ihre eigenen Rollen spielen ließen und dabei Atmosphäre und Stimmung aufs Genaueste inszenierten, entstand einerseits Authentizität und andererseits ein gewisser Zauber, eine Magie durch die Rekonstruktion.

House, Techno, Garage – musikalischer Hintergrund von EDEN ist zugleich eine Abhandlung der letzten großen Musikentwicklung unserer Zeit. Zwanzig Jahre aus dem Leben eines DJs, Anfänge und Boom der Technoszene: Wollten Sie als Erste die zuweilen unverstandene Kulturrevolution von damals unter die Lupe nehmen?
Bisher gibt es keinen Film über die Anfänge elektronischer Musik. Das hat uns gereizt. 24 HOURS PARTY PEOPLE von Michael Winterbottom mag ein Vorreiter sein, aber er behandelt nicht dieselbe Epoche und spielt in einem anderen Land. Dass unser Thema so unberührt war, fanden wir sehr aufregend. Wir hätten diese Geschichte sehr gut als Erfolgsstory inszenieren können – zweifelsohne wäre der Film dann leichter zu machen gewesen, meiner Meinung nach aber auch weniger vielschichtig und menschlich. Also habe ich mich darauf konzentriert, den Weg eines DJs nachzuerzählen, der kein symbolisches Aushängeschild des French Touch war, sondern eher im Untergrund blieb, bei einer Musikrichtung, die nicht die Populärste in den Subgenres des House ist. EDEN gibt auch nicht vor, DER Film über den French Touch zu sein oder die Leben all jener komplett nachzuzeichnen, die diese Epoche geprägt haben. Dafür ist diese Geschichte, die Geschichte meines Bruders, zu einzigartig. Aber ich denke, dass sie dennoch sinnbildlich für eine Bewegung oder Epoche stehen kann. Durch die Gefühle, das Menschliche innerhalb des Films, wird das Erzählte übertragbar und allgemeingültig.

Wie sind Sie vorgegangen, um die Darstellung der Partys so glaubwürdig und realistisch zu inszenieren?
Dank Sven bin ich bereits sehr früh und in sehr jungen Jahren in die Szene eingetaucht. Seit 1994, zum Beispiel in der What's Up-Bar an der Pariser Bastille, wo Sven und Greg (der zweite DJ von „Cheers“) jeden Freitag über mehrere Jahre hinweg auflegten. Das war einer der Hot Spots der House-Szene in Paris. Außerdem waren die beiden Dauergäste bei Radio FG, ich habe ihre Sendungen jeden Sonntag gehört und kannte alle Platten auswendig. Daher habe ich meine eigenen Erinnerungen an diese Zeit, die mit denen meines Bruders verschwimmen. Viele Freunde von Sven halfen uns zusätzlich durch Unmengen an doku¬mentarischem Material, das sie uns zur Verfügung gestellt haben. Sven hat zu Christophe Vix Kontakt aufgenommen, dem Gründer des Fanzines „Eden“. Dieser gab uns alte Flyer und Ausgaben von Eden, die für uns unglaublich wertvoll waren. Zusätzlich hat er uns auch Accessoires ausgeliehen, z. B. die Hüte, die man zu Beginn des Films sieht. Dann waren da noch die Aufnahmen von Agnès Dahan, die die Respect-Events im Pariser Club Queen fotografiert hat. Manu Casana, der Organisator der ersten Techno-Events in Frankreich, hat uns zudem beraten. Er war es auch, der uns vom Fort de Champigny erzählte, als wir auf der Suche nach einem geeigneten Drehort für den zweiten Rave waren. Während wir Champigny erkundeten, stießen wir auf die Zeichnungen von Mathias Cousin (dem Zeichner von „Der Gesang der Maschine“), der uns zu der Figur von Cyril im Film inspirierte. Die Zeichnungen waren während der Raves im Fort de Champigny entstanden. Paul hält sie in einer der Anfangsszenen in den Händen als sie vom Rave mit der Metro nach Hause fahren.

Was fasziniert Sie an dieser Richtung des French House – der Musik und dem Umfeld?
Von allen verschiedenen Stilrichtungen des Techno und House gefällt mir der Garage-Stil am besten. Die Musik, die Sven auflegte. Bestimmt auch, weil ich zu dieser Musik am häufigsten getanzt habe, und weil sie als Tanzmusik einen sehr speziellen Rhythmus hat. Sie ist manchmal hart und kalt, dann wieder gefühlvoll und melodisch. Die Stimme, der Gesang und die spirituelle Dimension der Lieder mag ich sehr. Die Songs sind so direkt und naiv.

Was ist Ihre Meinung zum French Touch? Einige der wichtigsten Vertreter werden im Film erwähnt...
In meiner Wahrnehmung, ob diese nun stimmt oder nicht, kann durch das Porträtieren des French Touch, oder vielmehr seines gesamten Umfelds ein Bild unserer Generation gezeichnet werden, der Generation der Neunziger. Was sich da abgespielt hat, sagt vielleicht mehr über diese Jahre aus als andere kulturelle Fakten oder politische Ereignisse. Sven spricht häufig vom „Hedonismus seiner Jugend“. Für mich drückt beispielsweise die Musik von Daft Punk noch ein anderes Gefühl dieser Zeit aus, das Gefühl von Unschuld und einer sehr offenen Beziehung zum Leben und zur Welt. Diese Generation hat beschlossen, ihre Kindheitsträume ernst zu nehmen und definiert Partys und Vergnügen als ihr Lebensziel. Das führt natürlich irgendwann zu einer Ernüchterung: Man kann nicht fünfzehn Jahre lang Party machen, ohne sich dabei zu zerstören. Dieses Wissen schwingt immer mit.

Elektronische Musik, Clubs und DJ-Kultur, das ist oft nicht leicht auf die Leinwand zu bringen. Was muss man vermeiden, damit die Darstellung nicht zur Karikatur wird?
Häufig wird im Kino die Clubszene auf naive Klischees reduziert. Das hat mit der Bildkomposition, der Beleuchtung und dem Schnitt zu tun – mit allem! Wir haben immer versucht, die Darstellung so einfach wie möglich zu halten. Damit wollten wir eine Direktheit und Wahrheit zeigen, die in fiktionalen Darstellungen schwer zu erreichen ist ... Also haben wir versucht, bestimmte Klischees nicht zu bedienen, wie zum Beispiel Statisten mit gestählten Körpern, die tanzen wie Profis. Das entspricht einfach nicht der Realität. In den Clubs sieht man eben auch Menschen, die rein zufällig da sind, die ganz normal sind, sich langweilen oder einfach nur etwas trinken wollen. Es ging uns um die Vielfalt. Wir haben die Statisten aus der Technoszene geholt und dafür gesorgt, dass sie die Platten kennen, zu denen sie tanzen. Auf den Partys, die wir zeigen wollten, spielt die Musik die Hauptrolle. Dazu haben wir sie einfach tanzen lassen. Wir haben auch nach Breakdancern aus der Zeit gesucht, für die Abende mit Cheers in der Coupole. Letztlich haben das Engagement und die Begeisterung der Statisten beim Filmen der Clubszenen allen sehr geholfen – mir, aber auch den DJs und Schauspielern hinter den Plattentellern.

EDEN, der Titel des Films, ist ein Fanzine, das von einigen Anhängern der ersten Raves gegründet wurde. Beim Titel denkt man natürlich auch an den Garten Eden. Clubs und Raves – das Paradies der Generation der Neunziger?
Natürlich ist mir die Doppeldeutigkeit bewusst. Für meinen Bruder und mich war diese Zeit eine Art Dolce Vita. Sven war ein schwieriger Teenager. Mit dem DJ-Beruf fand er von einem Tag auf den anderen seine Bestimmung. Das hat sein Leben komplett verändert, er war auf einmal Teil dieser kollektiven, unglaublichen Energie. Zehn Jahre lang war die Musikwelt eine magische Welt. Diese Zeit war voller strahlender und glücklicher Augenblicke. Mein Film ist eine Hommage an diese Momente. Es geht um eine Generation, die sich amüsiert, die dies einfordert und gleichzeitig davon lebt – aus Sicht der heutigen, eher deprimierten Epoche ein starkes Statement.

Nun ist aber die Musik paradoxerweise nicht nur Rettung für die Hauptfigur Paul; sie schenkt ihm eine wunderbare Jugend, bietet ihm einen Beruf und lässt ihn am Ende doch nicht davon leben.
Die zweite Hälfte des Films ist nüchterner, dunkler, eine Art Entzauberung. Trotzdem ist es nicht die Fabel von der Grille und der Ameise. Es geht mir nicht um Moral. Für mich hat Paul seine Bestimmung gefunden und sie angenommen. Er hat also nicht an seinem Leben vorbeigelebt.
Sicher, seine Musikbesessenheit hat ihn daran gehindert, eine stabile Beziehung zu führen, sicher kann das als ein Versagen interpretiert werden, das zu Leid geführt hat. Aber er hat zugleich etwas Außerordentliches erlebt. Ich sehe seinen Weg durch Musik und DJ-Dasein als einen riesigen, wundervollen Umweg, der ihn letztlich zur Literatur führt. Paul ist ein Suchender, der Risiken eingeht, sich ganz und gar der Musik hingibt und dabei unglaubliche Momente erlebt, Abstand nimmt und sich am Ende, vielleicht, selbst findet. Was er erlebt hat, trägt ihn: sowohl durch Licht als auch Schatten.

Paul befindet sich in einem Zustand ständiger emotionaler Instabilität. Ist sein Beruf als DJ der Grund dafür, dass er keine dauerhafte Beziehung führen kann?
Ja, denn die Welt, in der er lebt, hilft ihm sicher nicht dabei, eine Beziehung aufzubauen. Ich denke aber, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen seiner Unbeständigkeit auf der Gefühlsebene und seiner Kontinuität in der Beziehung zur Musik, seiner absoluten Treue und Leidenschaft für Garage – im Gegensatz zu anderen DJs, die im Laufe der Zeit problemlos von einem Stil zum anderen wechselten.

Pauls Geschichte steht für die Geschichte einer Generation. Haben Sie durch den Film eine Generation von Schauspielern bekannt machen wollen?
Ich wollte zum ersten Mal einen Film über eine Clique machen. Die Figuren dieses Films leben zusammen als Gruppe. Paul ist erst am Ende des Filmes allein, als er sich langsam aus diesem Universum löst. Für den Film habe ich Schauspieler gesucht, die dieser Gruppe über die Grundanforderungen ihrer Rolle hinaus Leben einhauchen würden. Entscheidend war die Besetzung von Félix de Givry. Er hat nichts Aufgesetztes, sondern strahlt vor der Kamera eine große Natürlichkeit aus und hat echtes komisches Talent. Sein Spiel lebt von Andeutungen. Außerdem versteht er die Welt des Nachtlebens und der DJs. Er hat sogar seine eigene Agentur, Pain Surprise, die bezeichnenderweise das Stück „Photomaton“ von Jabberwocky produziert hat, das am Ende des Films zu hören ist. Er sieht sich als ein Erbe der Generation des French Touch und ist Teil derselben Energie. Er trägt die Clique im Film, sie bildet sich um ihn herum. Hierbei entsteht eine merkwürdige Balance: Die Hauptrollen werden von unbekannten die Nebenrollen von bekannten Schauspielern gespielt.

Wie haben Sie den Soundtrack zusammengestellt? Jedes Stück ist ja quasi eine eigene Figur im Film.
Sven und ich könnten zur Auswahl jedes einzelnen Musikstücks lange Erklärungen abgeben. Bereits beim Schreibens des Drehbuchs haben wir überlegt, welches Stück zu welcher Szene passt, und wie dabei ein großes Ganzes entstehen und zugleich eine Entwicklung dargestellt werden kann. Uns war es wichtig, dass der Film auch eine Hommage an den französischen House wird.
Bei jedem Schritt, vom Schreiben über das Drehen bis hin zur Tonmischung, haben wir uns gefragt, wie wir die Stücke zum Leben erwecken. Für mich musste die Musik konkret sein, eine Verkörperung. Sie sollte zeigen, wie ein DJ arbeitet, es erfahrbar machen. Parallel hierzu haben Félix und Hugo bereits Wochen vor Drehbeginn von Sven ein Training im Musikmixen bekommen. Auch die Statisten haben wir vorbereitet und dafür gesorgt, dass während des Drehs eine wirkliche Einheit zwischen DJs/Schauspielern, Statisten, Kamera und Musik entsteht.

Sie zeigen die etwas weniger glamouröse Seite des DJ-Lebens. Auf der auf der ganzen Welt unterwegs, von einer Party zur nächsten, immer ein Champagnerglas in der Hand - haben doch nicht alle DJs ein Leben wie David Guetta?
Ich wollte, dass dieser Film das Menschliche zeigt, keine Phantasiewelten. Mein Bruder und ich haben an diesem Realismus festgehalten, auch wenn es vielleicht einfacher gewesen wäre, Klischees zu bedienen und damit eine euphorischere Darstellung des DJ-Berufs zu liefern. Das DJ-Dasein ist eben nicht nur Jetset und Champagner. Uns lag an einer stimmigen Darstellung dieses Universums und es ist dann eben Pech, wenn sie nicht immer dem entspricht, was die Leute sehen wollen. Ich glaube nicht, dass dem Beruf und seinem musikalischen Umfeld damit in irgendeiner Weise die Schönheit genommen wird, dass auch schwierigere oder traurige Momente gezeigt werden, die doch zum Leben dazugehören.

Der Film wird gewissermaßen durch die regelmäßigen Auftritte von Daft Punk getaktet, die immer berühmter werden. Gleichzeitig aber, und das ist ein sehr amüsanter Moment im Film, wird ihnen der Eintritt in einen Club verweigert, da niemand ihr Gesicht kennt. Kann man das – abgesehen von dem komischen Aspekt – nicht auch symbolisch sehen? Eine Musik, die jeder kennt, die aber doch immer geheimnisvoll und mysteriös bleibt?
Daft Punk, deren Musik allgegenwärtig und zugleich rätselhaft ist, waren für mich immer große Persönlichkeiten. Thomas Bangalter und Guy-Manuel De Homem-Christo haben EDEN sehr früh unterstützt, indem sie zugestimmt haben, dass wir ihre Musik verwenden durften und dafür nur einen symbolischen Beitrag zahlten. Aber was ihre Präsenz im Film betrifft, war es ihnen wichtig, als die gezeigt zu werden, die sie in der Geschichte auch sind, nämlich als Menschen und nicht als Roboter, die für die Medien geschaffen wurden. Genauso wollten wir sie auch zeigen. Meiner Ansicht nach nimmt dies nichts weg von ihrer ungreifbaren Aura und der Kraft, die ihre Musik vorantreibt – im Gegenteil.

Interview mit Mia Hansen-Løve

DJ Sven Hansen-Løve über
den Soundtrack


Sueňo Latino -Sueňo Latino (Illusion First Mix)
Im Alter von zwanzig Jahren habe ich dieses Stück entdeckt und mit ihm eine ganze musikalische Bewegung. Eine Revolution spielt sich ab. Eine Musik ohne Zugeständnisse, hedonistisch. Sie beruht auf keinem anderen Grundsatz als der Suche nach dem eigenen guten Gefühl, der Vereinigung mit der Welt und den anderen. Im Gegensatz zu vorherigen Musikstilen (Punk, Rock etc.) hat sie keinerlei politische Botschaft. Melodiös und avantgardistisch – das Stück verwendet ein „Sample“ von Manuel Göttsching, dem Künstler der experimentellen Szene – diese Musik ähnelt nichts, was es vorher gab.
Mia und ich waren uns einig: EDEN musste mit diesem Stück und seinem Remix von Derrick May anfangen. Alles, angefangen von dem farbigen, blumigen Cover, seiner ungewöhnlichen Dauer (11 Minuten) bis hin zu seinen vielfältigen Kontrasten – roboterhaft, gleitend, psychedelisch – steht für den Musikstil, der den Gesang der Maschinen feiert – Techno in seinen Anfängen.

C.Dock presents – Happy Song (4007 Original Mix)
Ein Titel, der voller Erinnerungen und Emotionen steckt. New York. 1996. Kiss FM. Die Sendung Tony Humphries. Die Begeisterung beim ersten Hören. Ich finde die Daten in der Playlist des Meisters. Zurück in Paris bedränge ich das Label, bis ich das Vinyl erhalte. Dann spiele ich die Platte, im Radio, bei Partys, bis sie ganz verkratzt ist. Ein minimalistisches Stück, so einfach wie möglich. Viele Jahre später erfahre ich beim Drehen, von Tony Humphries selbst, dass es sich um ein Remake, eine Hommage, an ein Lied von Natalie Cole handelt: „This Will Be“ ... Eine durchdringende Stimme, hysterische Zentren auf einen harten Rhythmus gespielt, euphorisierendes Klavier, nie gehörte Melodien ... die Quintessenz von Garage.

Daft Punk – Veridis Quo
Eine Wahl von Mia, die ich aber ohne Einschränkungen befürworte. Für diese besondere Szene brauchten wir ein Stück von Daft Punk, das überrascht. Es ist ein seltener Track, der etwas verloren wirkt auf dem Album, das von einigen als Mainstream bezeichnet wird. Eine Perle aus Melancholie und Disco, die sehr gut zur gesamten Atmosphäre des Films passt und ganz besonders zu dieser Szene.

M.K. - The Mkappella
Anfang der 90er Jahre, eine weitere essentielle Entdeckung: ein Künstler, ein Remixer außerhalb der Norm, M.K., auch bekannt als Marc Kinchen. Seine Version von „Nightcrawlers“, heute ein Klassiker, hat ihm 1994 zu großem Ruhm verholfen. Und er verdient daran nichts. Damals bekam er 500 Dollar für diesen Titel, der sich später hunderttausendfach verkaufte. Er liefert also einen Remix nach dem anderen, immer für bescheidene Summen, mit seinem ganz eigenen Touch: Zerteilten und übereinander gelegten Stimmen, einfachen und effizienten Bässen, mitreißenden Orgel- oder Klavierparts, einem swingenden Rhythmus. Jahrelang hört man nichts von ihm, er gerät beinahe in Vergessenheit, um dann 2010 wieder aufzutauchen und ein Superstar zu werden – dank einer Musik, die nun Mode geworden ist, an einem größeren Publikum orientiert. Kein gewöhnlicher Werdegang, vor allem, wenn man die Geschichte des Films bedenkt.
Wir haben uns für ein weniger bekanntes Stück entschieden, The Mkappella, ein verstecktes Kleinod auf der B-Seite eines Songs, der ihm großen Ruhm einbrachte: „Burning“, veröffentlicht auf seinem eigenen sagenumwobenen Label, Area 10.

Juliet Roberts – Caught In The Middle (Gospel Revival Mix)
Weiter zurück in der Zeit: 1992. Greg Gauthier und ich haben gerade unsere Teenagerzeit hinter uns. Darum haben wir nur einen Gedanken, nur ein Ziel: Party. Jemand (Christophe Vix vermutlich) lädt uns zu einem inoffiziellen Abend in den Cirque d'Hiver ein. Die Musik: Garage zu 100 Prozent, die DJs: Eric Candy und David Serrano (beide inzwischen verstorben an AIDS), vielleicht ist auch DJ André dabei. Das Publikum: schwul, die Atmosphäre fröhlich, warm, ausgelassen, verstärkt durch ein ungewöhnliches Dekor. Wir betreten den Raum. Die Masse bewegt sich zu den ersten Takten von „Caught In The Middle“. Alle singen. Der Saal bebt. Ich behalte den Refrain und den „Hook“ (Aufhänger) wochenlang im Kopf „My heart beats...beats like a drum“. Ich will alles über diese Musik wissen. Sie wird mich nicht mehr verlassen. Mit dem Film haben wir diesem Abend ein Denkmal gesetzt, und zugleich seinen beiden sagenhaften DJs, die als erste in Paris, in ganz Frankreich, Garage aufgelegt haben. Leider konnten wir nicht im Cirque d'Hiver filmen, darum haben wir den Drehort in das Museum des Arts Forains (Museum der Jahrmarktkunst) verlegt, meiner Meinung nach ein sehr gute Wahl.

Den Soundtrack zu EDEN könnt ihr u.a. bei Amazon Link sowie bei iTunes Link als MP3 kaufen!
Die Tracking List:
01) Plastic Dreams (original version) - Jaydee
02) Sueno latino (illusion first mix) - Sueno Latino
03) Follow me (club mix) - Aly US
04) A Huge Evergrowing Pulsating Brain That Rules From The Centre Of The Ultraworld
     (Orbital Dance Mix) - The Orb
05) The Whistle song (original version) - Frankie Knuckles
06) Going Round (UBQ original mix) - Aaron Smith feat D’Bora
07) Caught in the middle (Gospel revival remix) - Juliet Roberts
08) Promised land (club mix) - Joe Smooth
09) Sweet Harmony - Liquid
10) Private Number - Catalan FC & Sveb Love feat Nicole Graham
11) Da Funk - Daft Punk
12) Solid ground (spensane vocal) - Jasper Street Company
13) Closer than Close (mentor original) - Rosie Gaines
14) The MKapella – M.K.
15) Get up everybody (parade mix) - Byron Stingily
16) One More Time - Daft Punk
17) Makin’ a living - The african dream
18) Happy song (4007 Original mix) - Charles Dockins
19) Sweet Music - Terry Hunter
20) Unique The cricket song (club mix) - JT Vanelli
21) Odoru (unreleased version) - Watanabe
22) Cheek – Venus (Sunshine people) - Dj Gregory Full lenght Mix
23) Finally (original mix) - Kings of tomorrow
24) Blackwater (string vocal mix) - Octave one ft. Ann Saunderson
25) It’s yours (original distant music mix) - Jonn Cutler
26) Little Girl (version originale) - Viola
27) Shout to the top - The Style Council
28) To be in love (12 inchees) - Masters at work feat India
29) Brotha (DJ spen & Karizma remix) - Angie Stone
30) Just As Long As I got you - Love Committee
31) Jealousy - Lee Fields & Martin Solveig
32) Gyspsy Woman (La Da Dee) (Basement Boy Strip to the Bone Mix) - Cristal Waters
33) Within - Daft Punk
34) Tak a lickin (and keep on ticking) - Paul Johnson
35) Veridis quo - Daft Punk
36) Energy Flash - Joey Beltram
37) Photomaton - Jabberwocky
38) Rivolta (Get A Room! Remix) - Polo&Pan
39) Amazing - Kenny Bobien
40) Lost in Love - Arnold Jarvis
41) We are (I’m here for you) - Kerry Chandler
42) Your Love - Terry Hunter


French Touch

Der französische Musikjournalist und Autor Alexis Bernier über den „French Touch“


Ab Mitte der 90er Jahre war der „French Touch“ in aller Munde. Plötzlich erklang aus Wäldern, stillgelegten Lagerhallen, schlecht bewachten Champignon-Feldern oder dem Fort du Champigny, eine Generation von Musikern und DJ's, die den Blick der Welt auf die französische Musik für immer veränderten. Alle, die diese Zeit miterlebten, erinnern sich an die Begeisterung und die Naivität. Am ersten Abend waren es zehn, am nächsten hundert und am darauffolgenden Wochenende Tausende. Man lernte neue Wörter, die heute selbstverständlich über die Lippen gehen: Mix, Remix, Flyer, DJ, Set, Maxis ... Nicht ohne eine gewisse Ironie erinnern sich die Pioniere dieser Zeit auch an die Verachtung, die House, Techno, Garage und anderen elektronischen Musikstilen Anfang der Neunziger entgegengebracht wurde. Der allzu häufig unbedacht als "Bumm-Bumm" abgetane neue Sound war nichts anderes als die Weiterentwicklung von Gospel, Soul, Funk, New Wave und Discomusik – mit anderen Instrumenten und einer neuen Perspektive. Es war die letzte große musikalische Revolution unserer Zeit. Abgesehen von einigen Vorreitern, spielte in Paris niemand diese Musik in der Disco. Wir mussten uns auf die Suche nach sogenannten Raves begeben, die mehr oder weniger illegal waren – aber wen störte das damals? Ab 1991 fanden sie fast jedes Wochenende statt, in den Außenbezirken großer Städte. Und damals gab es kein Google Maps oder Handy, keine Infoline, die man anrufen konnte, wenn man sich verirrte. Jeden Freitag und Samstag stauten sich kilometerlange Autoschlangen, am Steuer Fahrer mit von der Dunkelheit geweiteten Pupillen, auf der Suche nach Licht und Bass. Diese anfängliche Suche nach der „Fete“, wie es damals noch hieß...

All das hat sich vor den Free Partys der 2000er Jahre abgespielt. Damals war alles noch Liebe und Feiern zu den ersten Klängen einer neu entstehenden Musik. Ob man eher die Energie des Techno mochte, die tröstende Melancholie des Garage, psychedelischen Trance oder den erbarmungslosen Hardcore vorzog: Wir alle waren Kinder der House Nation. Auf diesen Raves wurden sie geboren: Gruppen wie Daft Punk, Air, Saint Germain, Motorbass, Superdiscount, Stardust, Mr. Oizo, Cassius und all die anderen, deren Platten die Welt zum Tanzen brachten, bis die englischsprachigen Medien ihnen endlich ihr Etikett verpasst haben – den berühmten „French Touch“. Obwohl es den Begriff bereits seit 1993 gab, verbreitete er sich erst ab 1995/96, als die französischen Elektro-Alben mehrere Jahre hintereinander die Hitlisten anführten. Vor diesen Erfolgen hatten die meisten Labels nicht einmal einen Exportservice.

F Communications, Versatile, Solid – Dutzende unabhängiger Labels entstanden in dieser Zeit, gegründet von Musikliebhabern, die nicht selten selbst Musiker, DJs oder Veranstalter waren. Diese Mikrostrukturen begannen bereits vor den großen Plattenriesen, die Welt zu erobern – auch wenn der Gigant EMI Virgin eine sehr wichtige Rolle bei der Verbreitung von Daft Punk spielte. Und obwohl wir den Begriff French Touch heute primär mit einer Handvoll Musiker assoziieren, steht er genauso für die Veranstalter der Raves, die Gründer unabhängiger Labels, die Journalisten, Grafiker, Plattenverkäufer, Konzertpromoter sowie einige Millionen anonymer Tänzer. In den Raves fand eine ganze Generation Beruf und Berufung. Wie jede Utopie dauerten sie nur eine begrenzte Zeit und überließen das Feld im Anschluss den Clubs. Schauplätze unvergesslicher Abende, zuallererst Wake Up, gegründet durch Vorreiter Laurent Garnier im Rex Club und im L'An-Fer in Dijon, dann alle anderen, wie Cheers von Sven Løve und Greg Gauthier in der What's Up-Bar, im Dancing de la Coupole und schließlich Djoon. Die symbolträchtige Party des French Touch nicht zu vergessen: Respect, im Queen, auf den Champs Elysée in den Jahren 1996-99. Selbstverständlich mit Höhen und Tiefen...Ab 2000 erlebten wir die Rückkehr des Rock. Aber hätte eine Gruppe wie Phoenix je solchen Erfolg haben können, wenn die DJs ihr nicht den Weg geebnet hätten? Seitdem haben die Kinder des French Touch, die Generation von Justice, Gesaffelstein oder Brodinski das Ruder übernommen.

Seit gut zwanzig Jahren existiert elektronische Musik in unterschiedlichsten Formen, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Aber die Franzosen sind immer noch dabei. French Touch, das ist mehr als die paar Hits, zwei, drei Platten, zu denen wir getanzt haben. Vielleicht klingt es etwas hochtrabend, wenn man es so formuliert, aber es ist ganz sicher ein großer Moment der französischen Geschichte, zumindest der Musikgeschichte.

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Um teilzunehmen schickt uns bis zum 3. Mai 2015 eine Email an gewinnspiel@alamodefilm.de!

Cast und Crew

CAST
Paul Félix de Givry
Louise Pauline Etienne
Arnaud Vincent Macaigne
Cyril Roman Kolinka
Stan Hugo Conzelmann
Julia Greta Gerwig
Julia’s Freund Brady Corbet
Margot Laura Smet
Yasmin Golshifteh Farahani
Thomas (Daft Punk) Vincent Lacoste
Guy-Man (Daft Punk) Arnaud Azoulay
CREW
Regie Mia Hansen-Løve
Drehbuch Mia Hansen-Løve &
Sven Hansen-Løve
Produzent Charles Gillibert in
Zusammenarbeit mit
François Pinault
Ko-Produzent Patrick André
Kamera Denis Lenoir
Szenenbild Anna Falguères
Ton Vincent Vatoux,
Olivier Goinard
Schnitt Marion Monnie

French Touch

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